von Thomas Jauch

Lump und Lumpenmusik sind innerhalb des Typenrepertoirs der schwäbisch-alemannischen Fasnacht1) außergewöhnlich. Das zeitgenössische Erscheinungsbild der Fasnacht ist dominiert von zum größten Teil farbenfrohen und phantasievollen, gleichzeitig aber auch relativ stark normierten Kostümtypen, in den allermeisten Fällen verbunden mit einer Maskierung. Hiervon weicht die Figur des Lumpen entschieden ab2). Im Folgenden soll gezeigt werden, dass diese innerhalb des Kanons der fasnachtlichen Ausdrucksformen jedoch sehr wohl beschrieben und interpretiert werden kann. Gleichzeitig soll der Geschichte der Lumpen(musik) nachgegangen werden: es handelt sich dabei - zusammen mit den aus dem rheinischen Karneval entlehnten - um die ältesten nachgewiesenen Brauchtumsformen der Hechinger Fasnacht.

 

Definition und Geschichte des Begriffs    

Lump als Bezeichnung für einen Menschen ist von Lumpen ?Stoffstück, Stofffetzen' abgeleitet, das wiederum im Frühneuhochdeutschen aus dem mittelhochdeutschen Verb lampen, lumpen ?schlaff herunterhängen' gebildet wurde (Kluge 1989, S.450). Die Gebrüder Grimm definierten einen Lumpen als einen "in abgerissener kleidung einhergehenden, daher armseligen, erbärmlichen menschen, zugleich von niederer Gesinnung", für die Schweiz kommt noch die "wirtschaftliche liederlichkeit" hinzu (Grimm 1984, Sp. 1292).
Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts hat sich das Wort dann zum Schimpfwort entwickelt (Fischer, Band IV, Sp. 1335), dessen genaues Bedeutungssprektrum allerdings schwer zu fassen ist. Aus den Belegen der Wörterbücher lässt sich vermuten, dass die Bezeichnung durchaus als sehr (ehr)verletzend aufgefasst worden ist. Der Begriff beschreibt in unterschiedlicher Gemengelage einen Menschen mit betrügerischen oder kriminellen Absichten und zweifelhafter (Arbeits-)Moral. Nicht zwingend muss es sich dabei um Unterschichtsangehörige handeln, Lump wird auch auf Herrschende oder z.B. auf reiche Bauern angewandt.
Nicht selten sind Hinweise darauf, dass eifrige Gaststättenbesucher als Lumpen tituliert werden, so ist die Bezeichnung Lumpenglocke aus Ulm, Überlingen und Memmingen für eine ?Glocke, die zur Polizeistunde geläutet wird', belegt (Fischer, Bd. IV, Sp. 1338). Auch aus Hechingen ist diese spezielle Bedeutungskomponente belegt. In seinem Gedicht "D'r Lumpasammler" empfiehlt der Hechinger Geschichtsschreiber Ludwig Egler (1828-1898) dem Lumpensammler, einem Wirt das "Withschaftsbuach" abzukaufen, damit hätte er die "Lumpa äll beinander" (Egler 1989, S.141).
Eine weitere, besonders für die Geschichte der Lumpenmusik bedeutsame Charakterisierung des Lumpen im 19. Jahrhundert bietet Egler in seinen autobiographischen Aufzeichnungen. Dort beschreibt er, wie sein Vater Karl von dessen Onkel, dem Owinger Pfarrer, zu sich genommen wurde und dort auch in den Genuss einer entsprechenden Ausbildung kam. Als Karls Vater nach Owingen kam, um nach dem Jungen zu sehen, "kam ihm [dieser] mit einer Geige in der Hand und einem Notenheft unter dem Arm auf der Treppe des Pfarrhofes entgegen. Auf die Frage des erstaunten Alten, wohin er gehen wolle, antwortete der Knabe: ‚nach Haigerloch in die Geigstunde.' ‚Nun da weiß ich doch etwas besseres für dich, bleibe nur hier!' erwiderte zornig der Alte und die Worte, mit welchen er seinen geistlichen Herrn Schwager begrüßte, waren: ‚Was muß ich hören, Sie wollen aus meinem Karl einen Musikanten machen? So kommt es auf den Weg zum Lumpen.' (Egler 1981, S.14).
Die Gleichsetzung Lump - Musikant ist also für Hechingen bereits im 19. Jahrhundert belegt, wirft allerdings kein gutes Licht auf die Musikanten der damaligen Zeit. Vergleichbare Charakterisierungen finden sich in zwei schwäbischen Sprichwörtern: Die Musikanten sind Lumpen, aber net alle Lumpen Musikanten; Musikanten und Lumpen wachsen auf einem Stumpen (Fischer Bd. IV, Sp. 1336).
Heutzutage scheint der Begriff als Einzelwort wenig gebraucht zu werden, vor allem in der mundartlichen gesprochenen Sprache sind jedoch Wortzusammensetzungen als Schimpfwörter durchaus gebräuchlich: Lumpenmensch, Lumpentier, Lumpenpack, Lumpenseckel.

 

Der Lump in der Hechinger Fasnacht 3)    

Über den Ursprung und die frühe Geschichte des Lumpen als Hechinger Fasnachtsfigur finden sich in den Quellen leider nur wenige und zudem indirekte Hinweise. Die meines Wissens erste Erwähnung datiert aus dem Jahre 1927. Damals hatte Karl Widmaier zum 50-jährigen Jubiläum der Narrhalla Hechingen ein Fasnachtsspiel geschrieben, aus dem heraus die Hechinger Narrenfiguren "Butz" und "Pestmännle" entwickelt wurden. Das Fasnachtsspiel und die damit begründete Kostümtradition bildeten die Grundlage für die Aufnahme der Narrhalla Hechingen in die Vereinigung der schwäbisch-alemannischen Narrenzünfte (künftig: VSAN) im Jahr 1928.
In einem Zeitungsartikel wird die Neuschöpfung des Fasnachtsszenarios damit begründet, dass entsprechende historische Brauchformen in Hechingen bis dato fehlten: "Fastnacht wird von altersher in Hechingen mit Eifer und Lust begangen und in jeder richtigen Fastnacht ist das private und gesellschaftliche Leben von Dreikönig bis Aschermittwochmorgen so stark von Fastnachtsstimmung beeinflußt, wie es nur in einem Ort mit närrischer Tradition möglich ist. Da jedoch an öffentlichen Veranstaltungen wie an anderen Orten auch nur Maskenbälle und Umzüge abgehalten wurden, entbehrte die Hechinger Fastnacht doch einer typischen individuellen Note, eines Lebendigwerdens besonderer alter Bräuche aus der städtischen Geschichte, wie sie andere Gemeinden besitzen, wie z.B. das Bräuteln in Sigmaringen, die Spiele und Umzüge alter bizarrer Masken mit Holzgesichtern, die altüberkommenes lokales Gut darstellen, in Rottweil, Haigerloch und einigen Städten Badens, das Narrengericht in Grosselfingen u.a.m. Man könnte höchstens den früher üblichen Lumpenzug am Rosenmontag dazu rechnen." (Hohenzollerische Blätter, Jg. 1927, Nr. 26 vom 2.2.).
Der Schreiber der zitierten Zeilen bedauert also, dass es in Hechingen nur "Maskenbälle und Umzüge" gibt. Er wendet sich mit dieser Formulierung gegen den Einfluss des rheinischen Karnevals, der ab den 1830er-Jahren die Fasnachtskultur in ganz Südwestdeutschland bestimmte. Zwar wurde bereits gegen Ende des 19. Jahrhunderts verstärkt versucht, den wenigen überkommenen Kostümen und Formen schwäbisch-alemannischer Fasnachtstradtition wieder zu neuem Leben zu verhelfen, allerdings mit nur mäßigem Erfolg.
Dies änderte sich nach dem ersten Weltkrieg, als die Fasnacht - mit Ausnahme der Kinderfasnacht - lange Jahre verboten war. Die im November 1924 gegründete VSAN wehrte sich erfolgreich gegen die obrigkeitlichen Verbote, indem sie diesen ein (vermeintlich) historisch gewachsenes Brauchtumskonzept entgegensetzte, das auf "unverfälschten" Traditionen beruhte. Diejenigen Fasnachtsorte, die nicht auf Erhaltenes zurückgreifen konnten, schufen sich Kostüme, die auf der Grundlage lokaler (Fasnachts-)Geschichte basierten. Wie auch in Hechingen ist in vielen Fasnachtshochburgen die Zeit der 1920er und 1930er-Jahre die Geburtsstunde der "althistorischen" Kostüme und Bräuche.
Warum der Lump damals nicht zur offiziellen Hechinger Fasnetsfigur auserkoren wurde, kann nur vermutet werden: Zum einen lässt sich das "Lumpenhäs" nicht wie z.B. die Weißnarren- oder Fransenkleidle mit ihren Holzmasken normieren und kontrollieren, zum anderen scheint mit dem Lump eine Fasnachtstradition verknüpft zu sein, die mit dem damaligen politischen Ordnungswillen und dem Rückgriff auf "altehrwürdige" Traditionen nicht vereinbar war. Dabei dürfte die Verkleidungsstrategie der Lumpen durchaus eine lange Tradition haben: um sich unkenntlich zu machen, zog man abgelegte ältere Kleider an und schminkte sich das Gesicht. Der entscheidende Aspekt bei dieser Art der Verkleidung dürfte früher der finanzielle gewesen sein. Der weitaus größte Teil der Hechinger Bevölkerung hatte im 19. Jahrhundert mit Sicherheit kein Geld für aufwändige Verkleidungen im Stile des rheinischen Karnevals übrig, und so behalf man sich mit abgetragenen Kleidungsstücken der Altvorderen.
Gleichzeitig scheinen die Fasnachtsumtriebe der weniger gut situierten Bevölkerung auch nicht der bürgerlichen, ordnungsliebenden Norm des 19. und frühen 20. Jahrhunderts entsprochen zu haben. Trotz zahlreicher ausführlicher Berichte in den Hechinger Lokalzeitungen über das Fasnachtsgeschehen wird dort mit der bereits zitierten Ausnahme nie ein Lumpenzug oder ein Lump erwähnt. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass es auch eine Fasnacht in Hechingen gab, die der bürgerlichen Ordnung durchaus zuwiderlief. So berichten die Hohenzollernschen Blätter über die Fasnacht 1879: "[…] Wenn nach allgemeinem Urtheil die öffentliche Faschingsfeier sehr gelungen verlief, so darf sich in erster Reihe die seit einigen Jahren dahier gegründete Gesellschaft "Narrhalla" rühmen, zu einer passenden und planmäßigen Feier der Fastnacht durch Redouten und öffentlichen Umzug die Anregung gegeben und Alles trefflich geleitet zu haben. Dadurch hat eben auch das unschöne Treiben in den Straßen aufgehört, daß früher Auge und Ohr beleidigte und den letzten Rest volksthümlicher Fastnachtsfreude verdarb." (Hohenzollernsche Blätter, Jg. 1879, Nr.33 vom 1.3.). Es könnten durchaus "Lumpen", vielleicht sogar eine Lumpenmusik gewesen sein, die "Auge und Ohr" beleidigten und deswegen in der Berichterstattung der Zeitungen keinen Platz fanden.
Leider findet sich bei der Erwähnung des "Lumpenzugs am Rosenmontag" kein Hinweis darauf, zu welcher Zeit dieser stattgefunden hat, so dass die Geburtsstunde des Lumpen im Dunkel der Fasnachtsgeschichte liegt. Mit Sicherheit hat die Figur jedoch eine lange Geschichte, auch wenn die Kostümformen sich stetig gewandelt haben, eben immer im Rückgriff auf noch erhaltene alte Kleider.
Wurde der Lump früher also durchaus mit kritisch-ablehnendem Blick gesehen, so ist er spätestens ab den 1950er-Jahren in den Kanon des Hechinger Fasnachtsbrauchtums voll integriert. Lumpenbälle, der Lumpenmontag mit närrischem Treiben in der ganzen Stadt und die musikalischen Beträge der Lumpenmusik und weiterer als Lumpen verkleideter Fasnachtskapellen sind ein wesentlicher Bestandtteil der Hechinger Fasnacht.

 

Lumpenkapellen in Hechingen    

Über die begriffliche Verbindung Lump - Musiker wurde bereits im ersten Abschnitt berichtet. Erste Hinweise darauf, dass an der Hechinger Fasnacht Musiker gerne auf eine Art "Lumpenhäs" als Verkleidung zurückgegriffen haben, geben zwei historische Photographien: die eine zeigt eine Musikkapelle auf einem Wagen während des Fasnachtsumzuges 1887, die andere eine von Gymnasiasten gebildete Musikgruppe aus den 1920er-Jahren. Ohne dass hier eine genaue Analyse der jeweiligen Kleidermoden zugrundegelegt wird, scheint es mir offensichtlich, dass die Musiker für ihr "Häs" auf den Kleiderfundus ihrer Väter oder Großväter zurückgegriffen haben.
Dies trifft ebenfalls für das erste Bild der "Braunschen" Lumpenkapelle zu. Gegründet 1929 von Anton, Karl und Georg Braun aus Stein sowie Xaver Dehner und Stefan Wannenmacher aus Hechingen erreichte die Gruppierung als "Original Lumpenkapelle Hechingen" einen enormen Bekanntheitsgrad, sie selbst warb mit dem Slogan "bekannt aus Funk und Fernsehen". Auftritte bei der Fasnacht in Zürich und Frankfurt machten die Lumpenkapelle weit über die Grenzen Hechingens hinaus bekannt. Sie beschränkte sich aber nicht nur auf Auftritte im Lumpenkostüm, sondern trat an der Hechinger Fasnacht in wechselnden Kostümen auf, in den 60er-Jahren war die Gruppe mit einer selbstgebauten Hechinger Stadtbahn bei Umzügen unterwegs.
Musik gehört zur Lumpenfasnacht, und so treten speziell am Lumpenmontag diverse kleinere Musikgruppen auf, die sich nur für diesen einen Tag im Jahr zusammenfinden. Ebenfalls als Lumpen sind am Fasnachtsmontag die Gugguba, die Hudelgaibätscher und die Schnorchelhuster unterwegs. Die Lumpenkapellen haben also Konjunktur, was nicht zuletzt an den zahlreichen Gründungen solcher Formationen in Fasnachtsorten der näheren und weiteren Umgebung abzulesen ist.
Wenn die "Original Hechinger Lumpenmusik" nunmehr im Jahr 2002 ihr 25-jähriges Bestehen feiert, so kann sie nicht nur auf ein Vierteljahrhundert aktiven "Fasnet-Machens" zurückblicken, sondern sich auch einer Tradition bewusst sein, die weit länger zurückreicht. "Mit Schwarzwurst, Rucksack und Musik", mit musikalischer und nicht selten auch verbaler Kreativität gestaltet die Lumpenmusik die Hechinger Fasnacht mit - hoffentlich noch lange!


 

Anmerkungen
   
1) Ich benutze die Form Fasnacht (und nicht Fastnacht). Die Diskussion über die Schreibung und die etymologische Grundlegung derselben würde hier zu weit führen. Tatsache ist, dass der Duden (1996, S.274) die Form ohne -t- als landschaftliche Variation aufgenommen hat und somit nichts gegen eine Verwendung von Fasnacht spricht.
2) Auf eine Beschreibung des "Lumpenhäses" wird hier verzichtet, es finden sich zahlreiche Abbildungen in der vorliegenden Festschrift.
3) Die allgemeinen Darstellungen zur Geschichte der Fastnacht in Südwestdeutschland stützen sich auf die Darstellungen von Mezger (1991 und 1999) und den anlässlich des 75-jährigen Jubiläums der Vereinigung schwäbisch-alemannischer Narrenzünfte erschienenen Aufsatzband "Zur Geschichte der organisierten Fasnacht" (1999).

Literatur

Duden. Rechtschreibung der deutschen Sprache. 21. Auflage, Mannheim, Leipzig, Wein, Zürich 1996.
Egler, Ludwig: Ausgewälte Schriften und Gedichte. Hechingen 1998.
Fischer, Hermann: Schwäbisches Wörterbuch. Zu Ende geführt von Wilhelm Pfleiderer. 6 Bände, Tübingen 1904-1936.
Grimm, Wilhelm und Jacob: Deutsches Wörterbuch. Band 12, München 1984 (Fotomechanischer Nachdruck der Erstausgabe, Band 6, Leipzig 1885).
Kluge, Friedrich: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 22. Auflage, unter Mithilfe von Max Bürgisser und Bernd Gregor völlig neu bearbeitet von Elmar Seebold. Berlin und New York 1989.
Mezger, Werner: Narrenidee und Fastnachtsbrauch. Studien zum Fortleben des Mittelalters in der europäischen Festkultur. Konstanz 1991 (= Konstanzer Bibliothek 15).
Mezger, Werner: Das große Buch der schwäbisch-alemannischen Fasnet. Ursprünge, Entwicklungen und Erscheinungsformen organisierter Narretei in Süwestdeutschland. Stuttgart 1999.
Zur Geschichte der organisierten Fastnacht. Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte. Vöhrenbach 1999.

   

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